Lesezirkel

Die Presseschau für Kunst und danach


#57) Presseschau vom 1. April 2014

Im Feuilleton der FAZ schreibt Julia Voss einen strammen Verriss über die Premiere von Matthew Barneys neustem Film River Of Fundament. Das sechsstündige Epos wird von einer Ausstellung im Haus der Kunst begleitet, in der einige monumentale Requisiten des Films zu sehen sind. Für beide Werkteile hat Voss wenig übrig: „Der Film mag sinnlos sein, noch sinnloser sind die Requisiten ohne den Film.“ In der gleichen Zeitung ärgert sich Andreas Rossmann über den Energiekonzerns Eon, Hauptsponsor des Museum Kunstpalast in Düsseldorf. Dieser will ein dem Museum geliehenes Pollock-Gemälde bei Christie’s versteigern lassen. Rossmann nutzt die Gelegenheit um auf eine ganze Reihe zweifelhafter Verhaltensweisen des Konzerns im Rahmen seines Kultursponsorings hinzuweisen. Urteil: „Die Entscheidung, die Elegant Lady zu verkaufen, scheint als letzter Beleg dafür, dass die als zukunftsweisend gepriesene ‚private-public-partnership’ zwischen Stadt und Eon als gescheitert anzusehen ist.“ Der neue Kunstkompass ist erschienen, das angeblich einflussreichste (jaja...) Barometer der Gegenwartskunst. Mal wieder auf Platz 1 - vorsicht Spoiler - Gerhard Richter. Einblicke in die Befindlichkeiten und Strategien von Kunstsammlern gibt ein Artikel bei Artnet, der mit zehn „überraschende Fakten“ aus einer Umfrage des Kunstversicherers AXA aufwartet. Gar nicht so überraschend: „Conceptual art dominates the art world but collectors love pretty things.“ Noch mehr Kunstmarkt: Ein kleines Unternehmen namens Artrank macht, glaubt man einem Bericht der Welt, gerade die kommerzielle Kunstwelt nervös. Umstrittenes Produkt des Start-Ups ist eine Tabelle mit Kauf- bzw. Verkaufsempfehlungen für bestimmte Künstler, die angeblich auf der Berechnung verschiedenster Faktoren wie „web presence (verified social media counts, inbound links), studio capacity and output, market maker contracts and acquisitions [...]“ beruht. Mit einem leider etwas langatmig geratenen Artikel stellt Hannelore Schlaffer in der FAZ die These auf, Kultur in Deutschland werde von immer jüngeren Produzenten für immer ältere Rezipienten gemacht. Die Schärfe der Auseinandersetzungen über Neues, welche die kulturelle Produktionen seit zwei Jahrhunderten prägte, habe sich aufgelöst: „Die Rezipienten der Kultur [...] kommen jeglicher Provokation durch freundliche Bereitwilligkeit zuvor.“ Was bleibe, sei eine „Friedensfeier zwischen den Generationen.“ In der Welt schreibt ein spürbar elektrisierter Kolja Reichert über den „Star der Post-Internet-Art“: Ryan Trecartin. „Trecartins Filme sind überfordernd, sinnbetäubend, nervtötend und distanzlos. Sie sind Post-Film, Post-Internet, Post-Selbstausdruck. Post-Privat, Post-Kernfamilie. Post-Pop, Post-Kulturindustrie, Post-Camp. Post-Kritik. Post-Kunst.“ Well…

#56) Presseschau vom 23. März 2014

Auf den aktuellen Szene-Hype reagiert Texte zur Kunst mit einer widersprüchlichen Ausgabe, in der sich die unterschiedlichsten Autoren von der Spekulation die unterschiedlichsten Begriffe machen. Viel Platz bekommen die vormals noch kritisierten Apologeten des Spekulativen Realismus, wie der einigermaßen wirr argumentierende Armen Avanessian. Lohnend dagegen die unaufgeregte Besprechung der Kasseler Speculations-Schau durch Kerstin Stakemeier sowie die kurzen Einwürfe von Rainald Goetz und Diedrich Diederichsen, der mit einem Bekenntnis zur Postmoderne dagegenhält. In der FAZ macht sich Evgeny Morozov Gedanken über den zunehmenden Einfluss von algorithmengestützter Datenanalyse auf die Produktion von „kreativen“ Content. Der „dürfte zwar für bessere Verkaufszahlen sorgen, die Entwicklung einer lebendigen Kultur würde aber behindert. […] Big Data hätte Dada vermutlich nicht bemerkt.“ Unter der Überschrift „Mehr Kunstkäufer durch wachsenden Wohlstand“ fasst das Handelsblatt den aktuellen TEFAF-Kunsthandelsbericht zusammen. Wen die Details nicht interessieren, dem sei schon an dieser Stelle versichert: Die Sause geht weiter! Nicht mitfeiern will der Hamburger Künstler Armin Chodzinski, der im Interview mit dem Freitag erklärt: „[…] ich fühle mich nicht verpflichtet, zweckfreie Luxusartikel herzustellen. Ich komme aus einer Tradition der Moderne, wo Wahrheits- und Erkenntnissuche eine Rolle spielen. Im 19. Jahrhundert gab es für das Unbehagen an der Welt den wunderbaren Begriff des Malkontentismus. Diese Tradition möchte ich fortführen.“ Um Tradition und Zukunft des Ausstellungsformats Biennale ging es auf einer Konferenz im ZKM, deren Resultate Ingo Arend in der Taz zusammenfasst. „Die Mehrheit der rund 150 Biennale-Macher, die nach Karlsruhe gekommen waren, hielt es mit Ute Meta Bauer, die die Biennalen an einem ‚Kreuzweg’ angekommen sah und ihnen deswegen dringend anriet, sich dem Mainstream zu verweigern […]. Das Moment der ‚Unberechenbarkeit’, das durch viele Karlsruher Reden geisterte, ist freilich leichter beschworen als hergestellt.“ Die Welt bespricht die Ausstellung von Street-Artist JR im Museum Frieder Burda. Hans-Joachim Müller stört dabei, dass sich dessen „Israeli-Palästinenser-Projekt Face 2 Face der steilen Hoffnung hin [gab], die verfeindeten Bevölkerungsgruppen würden hinter ihren Lachmasken nicht mehr zu unterscheiden sein. Was auf schon anrührende Weise naiv erscheint. Dass das Posieren vor der Kamera zur Versöhnung anstiften könnte, glaubt jedenfalls nur der Kameramann.“ Desillusionierter erscheint das Bremer Bildhauerduo Reinecke & Wimmer, das sich mit Konkret über die Kunst-am-Bau-Maßnahmen der JVA Stammheim unterhielt. Ihr Galerist freut sich in der Kulturkolumne ein paar Seiten vorher über die Fälschungen der Beltracchis: „[…] wer will schon ehrliche Bilder sehen?“ Einen interessanten Auswuchs der Debatte um den Fall Edathy beschäftigt die Berliner Zeitung. In einem offenen Brief an die Berliner Gemäldegalerie forderten aufgebrachte Besucher, das Bild Amor als Sieger von Caravaggio ins Depot zu verbannen, da „die ausdrücklich obszöne Szene [...] zweifellos der Erregung des Betrachters“ diene: „...unter Rücksicht auf das Alter des ,Modells‘ ist dieses ,künstlerische Produkt‘ höchst verwerflich.“ Der Tenor des Artikels ist eindeutig: Der Vorwurf sei absurd. Derweil freute sich die SZ in ihrer gestriegen Ausgabe über englischsprachige Kulturzuwanderer in Berlin, unter denen sie aber durchaus skeptische Töne registriert: „Wenn man ein talentierter, ehrgeiziger Künstler ist, […] gibt es keinen Grund, nach Berlin zu ziehen.“, wird David Srauss zitiert, „Der einzige Vorteil Berlins liegt darin, dass man hier relativ offen Drogen nehmen kann.“

#55) Presseschau vom 4. März 2014

Swantje Karich ist begeistert von Tobias Rehberger und seiner „Anti-White-Cube-Welt“ in der Schirn, fragt sich jedoch, warum man auf den Möbeln darin nicht mehr sitzen darf. Noch mal Karich: Hier geht sie der Frage nach, warum jemand 185.000 Pfund für eine Malerei eines vierundzwanzigjährigen Künstler ausgibt. Zu der mächtig gehypten Ausstellung Speculations on Anonymous Materials ist bei den Kollegen von Castor & Pollux die bisher aufschlussreichste Besprechung erschienen. Ausführlich und kenntnisreich schreibt Matthias Planitzer sowohl über den vermeintlichen theoretischen Überbau der Ausstellung als auch über deren konzeptionelle Probleme und Fallstricke. Empfehlenswert in diesem Zusammenhang auch die letzte Titanic mit neuer Kolumne eines „der schlauesten und populärsten Erkenntnistheoretiker der Moderne“: Markus Gabriel. Der erklärt mit erfrischender Ehrlichkeit: „Die gängigen Welterklärungsmodelle haben allesamt ein Problem: Sie sind nicht von mir.“ In der neuen Frieze d/e lässt Pablo Larios kaum ein gutes Haar an der Speculations-Ausstellung: „Der verzweifelte kuratorische Versuch, jegliche soziale Komponente zugunsten eines befreiten ‚Objekts’ herunterzuspielen, liegt wie ein dunkler Schatten auf den tatsächlich gezeigten Objekten.“ Ebenfalls in Frieze d/e porträtiert Kito Nedo den Künstler Steffen Zillig, dessen Installationen zwar von einem „internet state of mind“ durchdrungen seien, zugleich aber „allem Modischen, der reinen Tech-Faszination und ungebrochenen Freude am Zeitgenössischen“ widersprächen. Diese Freude attestiert derselbe Autor in der Berliner Zeitung wiederum Simon Denny in dessen aktueller Ausstellung bei Buchholz und gerät darüber regelrecht ins Schwärmen: „Denny liebt die ultraflachen Bildschirme von Samsung. Er liebt die jungen Leute, die aus aller Welt nach Berlin strömen, um hier mit Risiko-Kapital Internet-Startup-Firmen zu gründen.“ Und: „Der komischste Moment der Ausstellung kommt dann, wenn man ahnt, dass der ehemalige Städelschüler auf kritische Bezugnahme verzichtet und die Startup-Kultur in einer undurchsichtigen Warhol-Geste einfach nur umarmen will.“ Für die SZ führt Tobias Haberl ein angenehm unaufgeregtes, überraschend unlustiges und umso interessanteres Interview mit David Shrigley. In der neuen Art plädiert Wolfgang Ullrich für einen ehrlicheren Umgang mit zeitgenössischer Auftragskunst von Michael Triegel bis Albert Oehlen. Zu Letzterem abschließend noch ein all time favorite von 2011: Oehlen im Gespräch mit H.P. Baxxter (Frontmann bei Scooter) über die Stumpfheit als Stilmittel.

#54) Presseschau vom 13. Februar 2014

Nach seinem Angriff auf Horst Bredekamp schreibt Wolfgang Ullrich in der Zeit jetzt über den historischen Beginn der Problematisierung des Verhältnisses zwischen Kunst und Markt sowie dessen gravierende Auswirkungen auf die Formen der Kunstvermarktung heute. Marktkünstler Anselm Reyle verrät seinen Freunden von Welt und Monopol, warum er sein Berliner Atelier aufgeben hat. Vielschreiber Georg Seeßlen macht sich in der Taz ein paar pointierte Gedanken über die Möglichkeiten der praktizierten Kulturkritik und folgende interessante Feststellung: „Die professionelle Kulturkritik ist, bedingt durch kulturelle wie durch ökonomische Faktoren, in der modernen Gesellschaft einem intellektuell teildissidenten Segment des Kleinbürgertums zugefallen. Schon daher ist es verständlich, wie sich die beiden schärfsten kulturkritischen Bezeichnungen bildeten, die „Dekadenz“ (der Oberschicht) und die „Verwahrlosung“ (der Unterschicht).“ In der Zeit rechtfertigt Kaspar König sich für seine Manifesta in St. Petersburg: „Ich glaube auch, dass man mit Kunst, mit der Verdichtung von Komplexität, die Welt zwar nicht besser macht, aber ihren Widersprüchen doch gerechter wird.“ Der Karriere-Spiegel widmet sich der Kunst – Überraschung! – aus betriebswirtschaftlicher Perspektive. Die Kunstsammelei großer deutscher Unternehmen und die Gründe dafür werden besprochen. Der Geschäftsführer des BDI-Kulturkreises erklärt: „Das ist kein Esoterikquatsch.“ Schließlich vermittle Kunst den Managern alles, was sie täglich brauchten: „Mut zur Kreativität, Risikobereitschaft, Selbstdisziplin, Verantwortung.“ Ein Fernsehtipp (bzw. Warnhinweis) zum Schluss: Auf Arte +7 läuft noch bis Montag eine Mockumentary zum RLF-Projekt von Kunst-Design-Schriftsteller-Hochschullehrer-Tausendsassa Friedrich von Borries. Glaubt man Spiegel Online, sollte man seine Zeit aber lieber mit Sinnvollerem verbringen.

#53) Presseschau vom 30. Dezember 2013

Die Zeit interviewt den Leiter der künftigen Documenta, Adam Szymczyk. Der teasert schon mal für 2017, will uns dabei aber eine allzu vertraute Aufgabenstellung für die zeitgenössische Kunst andrehen, nämlich „dem gesetzten Rahmen zu entkommen und sich selbst zu verlieren.“ Darauf die Zeit: „Das klingt nach einem ziemlich alten Topos. Fühlen sich nicht heute ohnehin viele Menschen sehr verloren? Hat die Kunst noch die Aufgabe das zu bestärken?“ Online ist nun ein Zeit-Artikel von Kolja Reichert über die extreme Zweiteilung des Marktes für zeitgenössische Kunst in Deutschland: „Die oberen 15 Prozent [der Galerien] erwirtschaften 80 Prozent des Gesamtumsatzes. Dagegen bleibt weit über die Hälfte der Händler unter 200.000 Euro im Jahr (Umsatz, nicht Gewinn).“ International verschärft sich die Situation noch, wie ein kurzer Vergleich folgender Jahresumsätze lehrt: „Larry Gagosian: 688 Millionen Euro. Alle deutschen Gegenwartsgalerien zusammen: 450 Millionen Euro.“ Auf AMA erschien unter dem tollen Titel „Sehr Gut: the rise of the German art market“ ein Artikel über die Gründe für den (kommerziellen) Erfolg deutscher Gegenwartskünstler. Lohnend macht ihn sein amerikanischer Blick auf die heimische Kunstszene und seine gnadenlos businessorientierte Perspektive. Als großer Vorteil wird die angebliche Fixierung auf Visuelles in der deutschen Kunst wahrgenommen: „Special attention is given to the visual aspect of the artistic approach. In the works of German artists, most often all you ‘have to do’ is look. German art is often far from exhaustion, in the sense of what the artist brings to it, or in terms of a conceptual discourse which is present everywhere in other countries.” Nicht jeder der Angesprochenen wird das als Kompliment auffassen… Noch mehr Lohnendes zum Kunstmarkt findet sich beim Gallerist, wo Sarah Douglas den Wahnsinn auf der Art Basel Miami Beach dokumentiert. Großartig die Anekdote über den ersten Messebesuch von John Baldessari und Joseph Kosuth. Von einem Journalisten über ihren Eindruck befragt antwortet Kosuth: „Well, I feel like a whore at a pimps convention.“, woraufhin Baldessari ergänzt: „It’s like watching your parents fuck.” Um den Kunstmarkt geht es auch bei Georg Seeßlen, der in einem unbedingt lesenswerten Beitrag in der Taz die gegenwärtigen Verhältnisse beklagt: „In Feuilletons der ‚bürgerlichen’ Zeitungen nimmt die Rubrik ‚Kunstmarkt’ wesentlich mehr Raum ein als Kritiken von Ausstellungen oder gar diskursive Auseinandersetzungen mit neuen Formen des Ausdrucks.“ Deshalb schließt dieser Lesezirkel dann lieber auch mit einem Hinweis auf eine kluge Kritik zum Berliner Painting-Forever-Desaster in der aktuellen Texte zur Kunst und einem aufschlussreichen Interview mit Künstler Eiko Grimberg zur Architektur des italienischen Faschismus in der aktuellen Konkret.

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