KIELFERIDUN ZAIMOGLU: IN SCHRIFT UND BILD

Welten dazwischen

17. April 2012 von Anton Rohrheimer
Es gibt einem zu denken, wenn ein gestandener Literat sich so unverlangt die Blöße gibt. Die Rede ist nicht von Günter Grass, dessen zunehmende literarische Verkalkung seit Jahren schon offen zu Tage trat; es geht um Feridun Zaimoglu. Nachlassendes literarisches Vermögen kann man dem nicht nachsagen. Der 1964 geborene Romancier, zu dessen sympathischen Eigenheiten unter Anderem die Beibehaltung seines Kieler Wohnsitzes gehört, schreibt seit seinem erfolgreichen Neunziger-Debüt „Kanak Sprak“ kontinuierlich besser werdende Theaterstücke, Kurzgeschichten und Romane. Vor allem Letzteren ist anzumerken, wie Zaimoglu seine Sprache immer weiter und kompromissloser verfeinert. Kompromisslos vor allem gegenüber den Anforderungen einer sprachlich entzauberten Gegenwartsbelletristik. Immer mehr hat ihn seine heimliche Affäre mit der deutschen Romantik zu einem bewundernswerten Eigensinn verführt, zu weitschweifender Detailfülle und Beobachtungsornamentik. Wer sonst in der Gegenwartsliteratur hat noch Humus für Begriffe wie „Blutblüte“ oder „Sichelmondkerben“?
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Mit Hund aber ohne Titel bleibt dieses Bild von Feridun Zaimoglu. Der nebenstehende Katalog spart auch sonst mit Angaben zu einzelnen Werken.
In der Bibliothek der Universität Kiel hat man in diesem Frühjahr neben ein paar übersetzten Versionen von Zaimoglus Büchern, neben Manuskripten (z.B. dem Beginn von „Ruß“) und Schreibmaschinen – auf denen der überzeugte Digitalverweigerer bis heute seine Texte schreibt – auch Zeichnungen und Malereinen aus seiner Hand ausgestellt. „In Schrift und Bild“ titelte es programmatisch auf Plakaten und dem dazugehörigen Katalog. Womit das erste Glied in einer Kette visueller Entgleisungen benannt wäre. Der Katalog ist ein Scheusal von einem Buch, dessen Gestaltung mit so ungefähr allem aufwartet, was Grafikern schlechte Laune macht. Das Titelblatt ist hinterlegt mit einem Verlauf von schwarz zu giftgrün, darüber rankt schräg der Name des Künstlers, ebenso hinterlegt mit Schlagschatten wie das Titelfoto: ein schlechter Schnappschuss, der den Künstler im Halbdunkel in seiner Küche zeigt und ihn, vermutlich durch den unbedarften Einsatz eines Weitwinkels, wie eine Karikatur aussehen lässt. Dieser Spaß zieht sich durch das ganze Buch – bis hin zu Bildunterschriften, die munter in Abbildungen von Zaimoglus Zeichnungen hineinragen.
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Zwei Meter Abstand – Welten dazwischen: Bücher und Zeichnungen von Feridun Zaimoglus
Die Zeichnungen waren die zweite Zumutung, die der Besucher noch im Erdgeschoss der Bibliothek verarbeiten musste, bevor man ihn zu den Malereien in den Keller schickte. Mit viel gutem Willen könnte man ihnen eine jugendstilartige Anmutung zuschreiben, aber wirklich ehrlich wäre das nicht. Ehrlich wäre zu sagen, dass Zaimoglu mit seinen bildnerischen Werken – bislang zumindest – auf einem Niveau hantiert, bei dem man kaum glauben mag, dass der Mann mal Malerei studiert hat. Das hat er aber; mehr noch: „Ich bin so etwas wie eine negative Legende, weil ich es geschafft habe, zweimal von der Kunstakademie zu fliegen.“ Das gestand er vor Kurzem Zeit Campus und antwortete auf die Frage nach den Gründen: „Ich habe die Bilder der Professoren beleidigt. Ich habe gesagt, das sei bloß blöde Angestelltenkunst.“ Gegen die blöde Angestelltenkunst, gegen „die Bürgersöhne“, die „Angebertypen mit simulierter Leichtigkeit“ und immer auch gegen sich selbst (siehe Interview) – seine malerische Unternehmung hat Zaimoglu jedenfalls nicht aus den schlechtesten Gründen begonnen.

Umso unbegreiflicher ist das, was er heute auf die Leinwand bringt. Keine Angestelltenkunst, eher ist es solche für junge Hausmütter, die über der weißen Ikea-Kommode gerne etwas Quietschiges in weißlackierte Rahmen schnüren. Sind es bei den Zeichnungen durchgehend Frauen, die er immer wieder nach demselben Schema zu Papier bringt (dicke Lippen, Glubschaugen und umrandetes Haarteil), handelt es bei seinen Malereien im Keller meist um Blumenstillleben in Butlers-Farbpallette. Vasen, Blumen, auch mal ein kleines Hündchen – je ein Objekt steht beziehungslos im Bild vor einem tapetenartigen Hintergrundmuster. Jede bildimmanente Spannung fehlt diesen Werken, zugleich geht ihnen auch das Trostlose völlig ab. Weder provokativ geschmacklos noch konsequent gefällig. Sie treiben nichts auf die Spitze, wirken auch sonst nicht getrieben und trotzdem wie von schneller Hand gemalt. Kurz: Man versteht einfach überhaupt nicht, was diese Bilder wollen.
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Der Ausstellungsraum im Keller der Universitätsbibliothek
Und am allerwenigsten versteht man, wie sie einem so versierten und klugen Schreiber passieren konnten. Wenn es nur persönliche Entspannungsübungen sind, die sie verantworten, warum lässt er sie dann in die Öffentlichkeit tragen? Wenn jemand komplexe Dramaturgien beherrscht und Momentbeschreibungen feinsinnig komponiert, wieso fehlt ihm jede Idee für eine annähernd komplexe und eindringliche Bildkomposition? Wieso spricht einer im Katalog (dessen Texte zum Glück weit besser sind als die gruselige Gestaltung) so emphatisch über Farben und bringt dann so schauderhafte Kombinationen zusammen? Und wieso behauptet er, bei Wort und Bild könne er sowieso nicht unterscheiden, wo sie bei ihm so offensichtlich Welten trennen?