KÖLNOMER FAST

So you can drive while you drive

30. November 2011 von Michael Staiger
Der Kölner Kunstverein beweist ein weiteres Mal seine sichere Hand für erstklassige Ausstellungen. Bis zum 18.12 gibt es dort noch zwei großartige Filme von Omer Fast zu sehen, die sich in der Vermittlung von Vermittlung verstricken und MTV-Weihnachtsmann Xzibit en passant zu einem großen Denker unserer Zeit erheben.
Abbildung zu
Nicht von Fast, aber vom selben Baum der Erkenntis: Xzibit Meme
Zur Veranschaulichung von Fasts Arbeitsweise und dem Charakter der Präsentation eignet sich vor allem die erste im Hauptraum des Kunstvereins aufgebaute Arbeit. "5000 Feet is the Best" ist ein gelooptes Video, das aus mehreren Sequenzen besteht, wovon einige wiederum fast identisch wiederholt werden. Variiert werden Dialoge oder kurze Handlungsstränge. Da das Video ohne bemerkbaren Schnitt geloopt wird, gibt es weder Anfang noch Ende noch chronologisch fortschreitende Dramaturgie. Das gemeinsame, vordergründige Thema der Sequenzen ist der Einsatz von kampffähigen, ferngesteuerten Drohnen im Afghanistankrieg. Besonders die Sicht der Drohnenpiloten, welche meist aus Einsatzzentren in den USA operieren, steht im Mittelpunkt der Arbeit.
Als grundlegendes Element dieser Arbeit dienen Aufnahmen eines Interviews mit einem Piloten, der mehrere Monate Drohneneinsätze über Afghanistan geflogen ist. In diesen Aufnahmen bleibt das Gesicht des Piloten unkenntlich, nur seine Stimme ist zu hören, die von den Erlebnissen dieser Einsätze berichtet.
Das Hauptmotiv dieser Berichte ist die vermittelte Erfahrung dieser Art von Kriegsführung. Die Beziehung des Piloten zum Krieg konstituiert sich hauptsächlich durch Video und scheint deshalb nur bedingt real. Der Pilot (ebenso wie die meisten seiner Kollegen) brauchte Monate um sich den Folgen seiner Handlungen überhaupt bewusst zu werden. Wirklichkeit schien sich nur anhand beiläufiger Details zu vermitteln. Erst wenn er beispielsweise in der Lage war, die Schuhmarke seiner Opfer zu erkennen, hatte er das Gefühl, es mit wirklichen Menschen zu tun zu haben.
Auch diese Sequenz wird von anderen, teils fiktiven Einstellungen unterbrochen und wiederholt nach dem ersten Loop des Videos. Spätestens in der Wiederholung drängt sich dem Betrachter eine abgründige Analogie zur eigenen Position auf: Sein Zugang zur Geschichte des Piloten ist auf die gleiche Weise vermittelt, wie der des Piloten zum Krieg: durch bewegte Bilder. In diesem Strom von Bildern und Geschichten ist es nicht nur bedingt möglich, Dokumentation von Fiktion zu unterscheiden, es ist nahezu unmöglich die Wirklichkeitserfahrung etwa des Berufs eines Drohnenpiloten nachzuvollziehen. Die Grenzen verschwimmen analog zu denen des Piloten am Computer.
Die Folgen dieser Dopplung werden an einer Stelle besonders deutlich (bzw. mehreren Stellen, da auch diese Sequenz abgewandelt wiederholt wird). Parallel zu dem echten Interview gibt es noch ein inszeniertes, bei dem Schauspieler die Rollen von Pilot und Interviewer übernehmen. Darin wird der Pilot vom Journalisten gefragt, was der Unterschied zwischen einem Drohnenpiloten und einem "echten" Kampfpiloten sei, der sich tatsächlich im Kriegsgebiet befindet. Der Gefragte entgegnet, es gäbe überhaupt keinen Unterschied, denn andernfalls wäre der Journalist eben auch kein echter Journalist. Und jetzt wird es interessant: Die Fiktion im Video wird zu unserer Wirklichkeit, zur Wirklichkeit der Betrachter. Wir wissen ja tatsächlich, dass der Journalist kein echter Journalist sondern Schauspieler ist, genauso wie der echte Pilot weiß, dass seine Ziele echte Menschen sind, obwohl er in der Fiktion übermittelter Videobilder handelt.
Diese Art von Kongruenz ist der Grundzug von Omer Fasts ästhetischer Methodik. Sie kommt einem Hinter- oder Nebeneinanderreihen von Sachverhalten gleich, wobei deren Ähnlichkeiten ein immer engmaschigeres Geflecht von Ambivalenzen knüpfen. Zu entdecken gibt es diese Verflechtungen immer wieder und in unterschiedlichsten Größenordnungen. Mal geht es um Krieg, mal um Nachrichten, mal um Computerspiele, manchmal nur um den Wahrheitsgehalt von Unterhaltungsgeschichten.
Diese von Wiederholungen, Verfremdungen und Ähnlichkeiten geprägte Bewegung bestimmt die gesamte Struktur der Ausstellung. Auch selbst schweift man eher umher, körperlich wie geistig. Die Aufmerksamkeit wird eingefangen, wieder gebrochen und irgendwo dazwischen gibt es erstaunlich deutliche Verbindungen und Überschneidungen.
Bei aller Mittelbarkeit von Wirklichkeit bleibt festzustellen, dass Omer Fast seine Mittel wirklich im Griff hat. Guter Mann!