BERLINANOTHER DECADE OF CALIFORNIA COLOR

Kleinformat schlägt Großformat

5. April 2012 von Anna-Lena Wenzel
Während zurzeit erwartungsvolle Besucher in den Martin-Gropius-Bau rennen, um einen Eindruck der bisher vernachlässigten „Kunst aus Los Angeles 1950-1980“ zu bekommen, hat eine kleine aber feine Ausstellung im Projektraum Essays and Observations das geschafft, was sich die große Institution auf die Fahnen geschrieben hat: Verständnis für die Kunst jener Zeit zu vermitteln. Zwar basiert die Übersichtsschau im Gropius-Bau auf einer mehrjährigen Recherchephase des Getty Research Centers und vereint sowohl umfangreiches Recherchematerial als auch selten gesehene Kunstwerke dieser Zeit, doch bleibt die Ausstellung seltsam leblos. Obwohl sie also durchaus Lücken in der bisherigen Rezeption der kalifornischen Kunst dieser Zeit füllt, erscheint sie in ihrer Aufbereitung wie eine Kapitulation gegenüber dem kaum zu bewältigenden Ausmaß der Thematik. Was in L.A. im vergangenen Jahr verteilt auf über 60 Ausstellungen und Institutionen zu sehen war, wird nun komprimiert in einer Ausstellung gezeigt. Das führt dazu, dass zwar von allem etwas, aber nichts entschlossen präsentiert wird.
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Gefälschte Katalogseite von Charles Arnold (Courtesy Galerie C&V)
Viel erfrischender ist da das Ausstellungsprojekt „Another Decade of California Color: Suitable for Framing“ bei Essays and Observations in der Maxstraße in Berlin Wedding. Dort befasst sich die Künstlergruppe Galerie C&V aus Hamburg ebenfalls mit der kalifornischen Kunst dieser Zeit und stellt ihr nicht minder aufwendig recherchiertes Material aus. Ihr Ausgangspunkt war der Katalog zur Ausstellung „A Decade of California Color“ aus dem Jahr 1970, der anlässlich der gleichnamigen Ausstellung der New Yorker Pace Gallery erschien. Dazu heißt es im Ausstellungstext: „Galerie C&V entdeckten bei einem Exemplar dieses Katalogs eine Fälschung. Auf dem Umschlag fanden sich Spuren einer Retusche: Das ‚i‘ am Ende des Namens Charles Arnoldi war entfernt worden. Auch Charles Arnoldis Künstlerblatt wurde durch das eines gewissen ‚Charles Arnold’ ersetzt. Die Seite zeigt das Porträtfoto einer unbekannten Person sowie die Abbildung eines Kunstwerks mit der Bildunterschrift ‚Untitled, 1970, colored wax on glass‘.“
Wenn man weiß, dass die Galerie C&V von 2007 bis 2008 in Hamburg die Ausstellungsreihe „Copieren & Verfälschen“ kuratierte, ist es naheliegend, dass sie der Sache nachgehen mussten. In der Berliner Ausstellung sind neben Archivmaterialien, wie Katalogen und Fotos, einem Coffee Table Book, auch mehrere Videointerviews mit Künstler wie Charles Arnoldi, Larry Bell und Judy Chicago zu sehen, die bei einer gemeinsamen Recherchereise nach L.A. 2010 entstanden. Nur ein einziges Kunstwerk ist ausgestellt, allerdings nicht dasjenige, das auf der Katalogseite des rätselhaften Charles Arnold abgebildet ist, sondern dessen Reproduktion, die Galerie C&V bei ihrem Besuch in L.A. haben anfertigen lassen. Es geht bei diesem Projekt also weder um Originalität, noch um Vollständigkeit, geschweige denn um das Auflösen des Rätsels, sondern um eine exemplarische Annäherung an die damalige Zeit mit künstlerischen Mitteln und die Frage, wie Kunstgeschichte geschrieben wird. Dabei beweisen die Künstler Alexander Mayer, Jo Zahn und Jörn Zehe Mut zur Lücke ebenso wie einen sehr präzisen und gekonnten Umgang mit dem Ausstellungsraum.
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Ansicht der Ausstellung bei Essays and Observations mit einer reproduzierten Arbeit von Arnold (Courtesy Galerie C&V)
Im Martin-Gropius-Bau wird man dagegen erschlagen von der Fülle an Material und Kunstwerken. Auf die ikonischen Fotos von Julius Shulman beispielsweise, hätte man sehr gut verzichten können. Zwar geben sie einen Eindruck zur damaligen Architektur, sind allerdings wenig aufschlussreich, wenn es darum geht, ein Gespür für die damalige Kunstszene zu entwickeln. Zudem hätte es der Ausstellung gut getan, wenn eine bestimmte Spezifität der damaligen Zeit – etwa die Offenheit für neue Materialien wie Keramik, Autolack und Polyester – noch stärker in den Mittelpunkt gerückt worden wäre. Es wirkt als hätte man den unbekannten Namen nicht getraut und deshalb auf die Zugkraft von prominenten Klassikern wie David Hockney, Ed Ruscha, James Turell und Bruce Naumann zurückgegriffen. Das Problem ist, dass sich trotz der Überfülle an Arbeiten kein Fokus herauskristallisiert. Es zeigt sich keine Strömung, sondern eine Vielzahl von Einzelprotagonisten/-positionen. Das mag ja historisch richtig sein, aber dann hätte man sich auch darauf beschränken können, wirklich nur jene Künstler zu zeigen, die im Konkurrenzkampf von Ost- und Westküste in Vergessenheit geraten sind, anstatt mit dem klischeehaften Poolbild von David Hockney zu werben.
Die Ausstellung bei „Essays and Observations“ ist frei von solchen Zwängen und vielleicht deswegen so überzeugend. Sie legt in ihrer die Auseinandersetzung mit einem ganz spezifischen Gegenstand keinen Wert auf Repräsentativität – umso lebendigerer gerät ihr Zugang zur Zeit. En passant illustriert sie in ihrer Kombination aus Recherche und dem aktiven Weiterschreiben von Geschichte wie eben diese funktioniert.

Kommentare

#1) Am 6. April 23:42 um Uhr von rv

erfrischend< ist auf der liste der verbotenen wörter.

#2) Am 20. April 16:01 um Uhr von bobby

X ist auf der liste der verbotenen wörter.< ist auf der liste der verbotenen argumente.