DÜSSELDORFMARK LEWIS

Kamerastativ nach Hause telefonieren

24. September 2011 von Olaf Mährenbach
Volker Bradke ist eine tragische Figur der Kunstszene. Gerhard Richter ließ ihn in seiner einzigen filmischen Arbeit als verschwommene Silhoutte auftauchen und benannte sogar eine Ausstellung nach ihm. Danach ist er wieder in der Versenkung verschwunden und seitdem mehr Mythos als Mensch. Vor fünf Monaten ist "Volker Bradtke" wieder aufgetaucht: in Form eines vielversprechenden Ausstellungsraums in der Birkenstraße in Düsseldorf. Das Projekt wurde von den Künstlern Adam Harrison, Alexander Lorenz und Philipp Rühr ins Leben gerufen, die einen vierten (Christian Odzuck) damit beauftragt haben, eine Struktur zu entwerfen, die als dauerhafte Installation den architektonischen Rahmen für diesen Raum bildet. So wird jeder ausstellende Künstler zur Auseinandersetzung mit dieser Installation gezwungen, die einfache Inbesitznahme des Raums verhindert und ortsspezifisches Arbeiten unumgänglich. Die entworfene Struktur ist ein gitterartiger Raum im Raum aus schwarzen Dachlatten: Für die ausstellenden Künstler eine erhebliche Zumutung, die wohl deshalb auch gerne mal völlig ignoriert wird.
Abbildung zu
Dauerhafte Struktur von Christian Odzuck. (Courtesy Volker Bradtke)
Nach bisher drei Ausstellungen stellt dieses Mal der in London lebende Kanadier Mark Lewis aus, der unter anderem 2009 seine Heimat auf der Venedig Biennale vertrat. Zu sehen ist einer der für ihn typischen, fast pervers hochauflösenden Filme. In "Black Mirror in the National Gallery" durchfahren zwei Roboter drei Räume in einem Gemäldemuseum. Die Roboter sind im Grunde programmierbare, automatisierte Kamerastative, welche die exakte Wiederholbarkeit von Einstellungen und sogar ganzen Szenen erlauben. Der erste Roboter trägt die Filmkamera, der zweite einen Spiegel und während sie sich verfolgen erinnern sie vielleicht an technoide außerirdische Wesen, die vorsichtig ihre Umgebung erkunden. Abwechselnd zeigt die Kamera die Bilder der Ausstellung, den Roboter mit dem Spiegel und die Malereien im Spiegel. Das wirkt in hohem Maße reflexiv und nimmt starken Bezug auf Lewis' übliche Arbeitsweise, die hier fast überdeutlich exemplifiziert wird: Einmal benutzt Lewis diese programmierten Stative in fast allen seiner neueren Filme, wobei sie in "Black Mirror in the National Gallery" zum ersten Mal als sichtbare Akteure in Erscheinung treten. Der technologische Fetischaspekt wird auf die Spitze getrieben – ein feuchter Ingenieurstraum. Zweitens schienen in seinen früheren Filmtiteln ruhende Kameraeinstellungen immer schon Bezug zu Tafelbildern zu nehmen, was er nun durch deren erstmaliges konkretes Erscheinen im Film quasi bestätigt.
Abbildung zu
Still aus "Black Mirror in the National Gallery", 2011 (Courtesy Volker Bradtke)
Allgemein lässt sich sagen, dass Mark Lewis eher sorgfältig innerhalb der Beschränkungen seines Mediums arbeitet anstatt mit scharfem Blick seine Umgebung zu analysieren um daraus Schlüsse zu ziehen. Diese Arbeitsweise ist altmodisch, aber keinsfalls reaktionär. Sie ist weniger behauptend oder kritisch setzend als allmählich fortschreitend, evolutionär.
Mark Lewis hat die Austellungsarchitektur von Odzuck für seinen Film zu einer einfachen, abgedunkelten Nische umgebaut, was leider nicht aufgeht. Raum und Film wollen keine fruchtbare Synthese eingehen. Wo der Film eine möglichst zurückhaltende, klassisch museale, monolithische Präsentation erfordert, verlangt der Raum nach modularen Installationen oder experimentelleren Interventionen. So aber bleibt dem Film die Maskierung des Raums als einzige Option. Das tut dem gelungenen Film keinen Abbruch, hinterlässt jedoch im Wissen um die Möglichkeiten einen faden Geschmack.

Kommentare

#1) Am 1. November 17:05 um Uhr von Mephistopholus

Da fehlt es aber wirklich an einer tiefgehender Erklärung: warum ausgerechnet Volker Bradke? Ein paar mehr Worte dürfte man da schon erwarten!

#2) Am 6. November 17:06 um Uhr von Olaf Mährenbach

In welchem Verhältnis dieses Projekt zur Person Volker Bradke steht ist mir nicht bekannt, auch habe ich dazu keine Informationen finden können.

#3) Am 7. Januar 00:17 um Uhr von Mephistopholus

Lieber Olaf Mährenbach,

schade, da haben Sie sich aber nicht so viel Mühe gegeben! Dennoch beste Grüße, Ihr M.

#4) Am 7. Januar 12:32 um Uhr von Olaf Mährenbach

Haben Sie denn mehr Informationen darüber? Ich würde mich freuen, wenn sie diese mit uns teilen könnten.

Grüße Olaf

#5) Am 7. Januar 09:39 um Uhr von Jürgen Maruhn

Liebe Kunstfreunde,

könnten Sie mir eine biographische Skizze von Volker Bradke zur Verfügung stellen?

Besten Dank für Ihre Mühe J. Maruhn

#6) Am 25. Januar 22:19 um Uhr von Mephistopholus

Lieber Olaf Mährenbach,

ja, ich habe mehr Informationen darueber. Gerne möchte ich diese mit Ihnen teilen. Schreiben Sie mir doch der Einfachheit halber einfach eine mail, dann können wir uns austauschen. Herzlich, Ihr M.

#7) Am 20. Mai 14:29 um Uhr von Roland Saal

Gibt's den Empfänger dieser Kommentaradresse noch?

Wenn ja würde ich mich freuen über eine Info, was aus meinem alten Schulfreund Volker Bradtke geworden ist, mit dem ich jahrelang vom Worringer Platz aus morgens den Schulweg und abends den Weg in die Altstadt geteilt habe... Zuletzt hat er sich Ende der siebziger Jahre telefonisch bei mir aus Marburg gemeldet, wenn ich mich recht erinnere. Schöne Grüße Roland Saal