HAMBURGFRANKFURTER APPLAUS

Frankfurt is over

20. Dezember 2011 von Anton Rohrheimer
Inmitten einer begeisterten Beschreibung kühler fotografischer Stillleben (Annette Kelm et al.) rutscht Silke Hohmann in der letzten Monopol eine luzide Bauanleitung für zeitgenössische Kunst zwischen die Zeilen: „Neben bestimmten formalen Qualitäten, die Vorraussetzung sind, darf das Objekt nicht zu eindeutig sein, es muss symbolisches Potenzial in sich tragen. Keine spezifische Symbolik, aber die prinzipielle Fähigkeit, Bedeutung auf sich zu nehmen – je unterschiedlicher, desto besser.“ Vor allem der beschwingte Nachsatz hat es in sich: euphorischer Eklektizismus – entdecke die Möglichkeiten!
Die Kunstwelt ist klein und glaubensfest. Ihr Publikum ist trainiert in andächtiger Würdigung von möglichst unspezifischen gleichsam unterschiedlichen möglichen Bedeutungen. Man hat gelernt: Wenn Künstler „sich nicht festlegen auf diese oder jene Absicht“, heißt das nicht, „es gäbe diese Absichten nicht“, wie Hohmann etwas weiter im Text feststellt.
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Das Schaufenster der Power Galerie in Hamburg: Applaus! (Foto: Power Galerie)
Wie ein Atheist in der Kirche fühlt man sich dann auch in der Hamburger Power Galerie. Die hat sich gerade „Frankfurter Applaus“ auf die Scheiben geklebt und 13 gealterte Herren versammelt, die sich in den neunziger Jahren mal eine „postpubertäre Phase persönlicher und schöpferischer Unsicherheit“ teilten. Über ihre Zeit an der Frankfurter Städlschule und das langsame Auseinanderdriften der namenlosen Gruppierung („Manch eine Freundschaft verdient sich im Laufe der Zeit einfach auseinander“) hat einer von ihnen, Florian Waldvogel, einige munter resignierte Zeilen beigetragen. Bezeichnenderweise hat jedoch der heutige Leiter des Hamburger Kunstvereins in seinem durchaus lesenswerten Rückblick kaum Worte zu diesem unspezifischen, möglichst unterschiedlichem Dingsda gefunden – zur Kunst.
Wir erfahren stattdessen, wo sich die Mannschaft um Tobias Rehberger und Thomas Zipp damals zum Essen traf, dass man gerne zusammen Fußball spielte und Apfelwein von Possmann kippte. Dass einige, wohl die beiden Genannten, anfingen zu verdienen, die Anderen aber nicht, was den schleichenden Zerfall der „Männer-Familie“ einläutete. Zuvor hätte man den Kollegen an der Hochschule aber noch „signalisiert, was auf sie zukommt, und woher der Wind jetzt weht.“
Der Wind wehte aus möglichst unterschiedlichen Richtungen – und das tut er offenbar bis heute. Was die Power Galerie für das Klassentreffen in Hamburg zusammengetragen hat, ist ein heiterer Querschnitt durch die Nichtigkeiten zeitgenössischer ästhetischer Praxis. Die postpubertäre „schöpferische Unsicherheit“ konnte sich offenbar als schöpferische Unentschiedenheit stabilisieren, so dass die Männlein heute mehr oder weniger alleine an Objekten basteln, die „keine spezifische Symbolik, aber die prinzipielle Fähigkeit“ etc. pp.
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„VOLKSNÄHE GLEICH SCHUSSDISTANZ“ von Stefan Wieland (Foto: Power Galerie)
Ein schönes Beispiel für ein solches ist das Bild mit dem vielversprechenden Titel „VOLKSNÄHE GLEICH SCHUSSDISTANZ“. Stefan Wieland hat sechs ovale, unterschiedlich eingefärbte Acrylglasscheiben auf Sackleinen geklebt. Bei zweien hat er die Position mit einem Edding vorgezeichnet, auch auf einem weißen Oval in der linken unteren Ecke hat er ein paar diffuse Eddingspuren hinterlassen. Mag sein, dass Wieland zum Bild noch einiges zu erzählen hätte. Vielleicht hat es ja eine besondere Bewandtnis mit der Herkunft der Scheiben oder sonst irgendetwas. So wie es in der Galerie hängt, ergibt das neonfarbene Osternest aber weder kompositorisch, noch sinnlich oder inhaltlich nur den Hauch von etwas, das den Anschein erweckt, es lohne der Vertiefung.
Die Kunst schwammiger Verweise exerziert Tobias Rehberger auf drei läppisch gestalteten Plakaten, die das Marketing einer Turnschuhmarke, ein Offenbacher Elektro-Label und seine eigene Trademark (die unvermeidliche Rehberger-Vase) zitieren. Mit Sicherheit hat er noch ein paar andere Anspielungen versteckt, aber man kann sich wahrlich Anregenderes vorstellen, als diesen nachzuspüren. Das Problem von Rehberger ist nicht die Trash-Ästhetik selbst, sondern die völlige Spannungslosigkeit, die seine Arbeiten vermitteln: Hab da mal eben ein paar Plakate gemacht, schau mal – höhö – der Typ im Bademantel – ganz lustig, oder? Nein, Trash-Ästhetik geht heute anders, jede Minute auf 4Chan ist interessanter als das!
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Kein Hochschul-Rundgang, sondern ein Klassentreffen Jahrgang 95: Blick in die Ausstellung, links die Plakatwand von Tobias Rehberger (Foto: Power Galerie)
Die Herren haben offenbar zur Gegenwart herzlich wenig beizutragen, und ob sie es in der Vergangenheit jemals getan haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Von Thomas Zipp gibt es ein paar herausragende Installationen, bei denen er den ganzen Raum für sich einzunehmen versteht und tatsächlich einen eigenen Bezugsrahmen eröffnet, dem man nachgehen möchte. Seine Verweise versprechen dann einen ästhetischen und gedanklichen Gewinn. In der Power Galerie sind die beiden extrahierten Bildwerke aber zu wenig verdichtet. „Studiying the hands – 1. as the organ of gild, 2. as the matering of ervery variety of occupation“ glaubt man auf einem der handschriftlichen Notizen zu entziffern, die je einer Malerei beistehen. Auf den 170*90 cm daneben sputtert es aus einer fellartigen braunen Wolke eine milchige Flüssigkeit vor tiefschwarzem Hintergrund. Das Bild ist atmosphärisch, mit einem guten Gespür für Proportion. Auch die Notiz links davon, die von der krakeligen Skizze eines Oberkörpers ergänzt wird (32*26 cm), trifft sehr stimmig etwas Ereignis- oder Momenthaftes. Es kommt nur leider nichts zusammen, zu vage stehen die Ansätze nebeneinander im ansonsten ziemlich leeren Gesamtarrangement der Ausstellung.
Wer mag, kann in der vorgeführten Beliebigkeit eine Linie ziehen, von den hier Versammelten über die eingangs erwähnten Eiszeit-Fotografen hin zu den jüngeren Postkozeptualisten Frankfurter Prägung (Simon Dybbroe Møller, Michaela Meise, Tobias Kaspar usw.). Bedenkt man den kommerziellen und institutionellen Erfolg vieler ihrer Protagonisten, gab es eine relativ lange Phase – von den späten Neunzigern bis in die nuller Jahre – in der ihre designaffinen und mit unspezifischer Symbolik aufgeladenen Minimalarrangements einen ziemlichen Eindruck in der Glaubensgemeinde hinterließen. Aber auch die nuller Jahre sind vorbei.

Kommentare

#1) Am 8. Januar 13:19 um Uhr von brom bom

"Neben bestimmten formalen Qualitäten, die Vorraussetzung sind, darf das Objekt nicht zu eindeutig sein, es muss symbolisches Potenzial in sich tragen. Keine spezifische Symbolik, aber die prinzipielle Fähigkeit, Bedeutung auf sich zu nehmen – je unterschiedlicher, desto besser."

Erfahrungen mit Kunststudenten und entspr. Künstlern: Es ist tatsächlich so. Man könnte noch anfügen, dass Versatzstücke aus Privatmythologien, oder aus bildungsbürgerlich gesampelten älteren Werken (vor dem Erfolg der Alten und deren resultierendem heutigen Status haben sie größten und meisten Respekt, und das war auch immer ihr Ziel, keine Rebellion, kein Bruch, sondern "auch so sein", in den Klassen sind das wahre Musterschüler), und dazu Versatzstücke irgendwelcher Polit- und Ästhetikdiskurse der 70er, die dann diese ach-so-spannende und "aktuelle" Bedeutung bilden. Untereinander tut man verschwörerisch und geheimbündlerisch und netzwerkt sich unsichtbare Hierarchien herbei (wer ist wichtig, wer macht was für wen). Das ist vielleicht noch das interessanteste an dieser Kunst, wie sie nicht nur ihren Arbeiten, sondern sich selbst, als Künstlern in Ranglisten und Museen, diese vage wabernde nebulöse "Bedeutung" verleihen, die sie selbst so einmal beim ehrfürchtigen Durchblättern irgendwelcher geheimer Artists' Artist-Kataloge empfanden und dann auch wollten. Das ist alles letztlich extrem auf Kuratoren, den Markt und die Galerien hin konstruiert, wissen wie der Hase läuft, sich in die bestehenden Strukturen einfügen und ältere Rebellionen brav nachexerzieren und damit natürlich deren Sinn verkehren. Aber ihre Altersgenossen in Medien oder Politik oder der Wirtschaft verhalten sich derzeit letztlich nicht viel anders. Und am Ende wirds ja auch belohnt, das alles, bleibt nur noch der Vorwurf der aufgeblasenen Langeweile.

#2) Am 4. Februar 22:14 um Uhr von birthe schneyder

gut nachvollziehbar - ich kann dem rehberger und konsorten-getue nichts abgewinnen. Meine Empfehlung für Kunst mit akuellem Inhalt, die kaum jemand kennt, da nicht in Galerien vertreten: hermann josef hack mit seinen Aktionen für Klimaflüchtlinge: www.hermann-josef-hack.de