BERICHT AUS DER DRITTEN WERKSTATT KUNSTKRITIK

Do it yourself, Kollege!

23. März 2011 von Niele Büchner
Kunstkritik ist zur Zeit ein vielfach diskutiertes Phänomen. Sei es aus Sorge um ihre aktuellen Blüten und Bedingungen, sei es aus dem Bedürfnis einer Standortortbestimmung und Feldsichtung. Noch bevor "Texte zur Kunst" ihr 20 jähriges Jubiläum prominent dazu nutze, die Frage "Wo stehst du Kollege? Kunstkritik als Gesellschaftskritik" zu stellen und auch die Berliner Kunstzeitschrift "vonhundert" ein Kritikspezial samt Podiumsdiskussion zum Thema veranstaltete, fand letztes Jahr im Frühling die dritte Werkstatt Kunstkritik der Montag Stiftung Bildende Kunst unter dem Motto "Sprache als Tarnung? Das Dilemma der Kunstkritik" statt, die nun in einer Publikation vorliegt. Darin sind nicht nur ausgewählte von den Teilnehmern geschrieben Ausstellungskritiken dokumentiert, sondern auch Statements der zur Werkstatt eingeladenen Referenten wie Gerrit Gohlke, Hanno Rauterberg und Jennifer Allen, die auf je unterschiedliche Weise auf die Frage nach Kriterien für gute Kunstkritik antworten.
Die in Berlin lebende und für zahlreiche Organe schreibende Jennifer Allen berichtet in ihrem sehr persönlich gehaltenen Vortrag mit dem Titel "Tarnung und Tattoos" vor allem aus der eigenen Praxis. Sie benennt die Schwierigkeiten, den Beruf des Kunstkritikers zu beschreiben und Kriterien für eine gute Kunstkritik zu benennen, u.a. weil sich in der heutigen globalen Welt die Bewertungsmaßstäbe für Kunst zusehends auflösen bzw. ausdifferenzieren. Für sie lautet eine zentrale Frage jedoch: Was könnte ich dank des Kunstwerkes denken, das ich nicht schon vorher gedacht hätte? Sie begeistert sich für künstlerische Arbeiten, die das Denken anregen und dazu führen, dass man sich dem widmet, was sich vorher dem Verständnis entzog. Anhand mehrerer künstlerischer Beispiele erläutert sie ihren Annäherungs- und Erkenntnisprozess und zeigt so auf, wie wichtig es ist, sich ohne vorgefertigte Meinungen auf die konkreten Arbeiten einzulassen – und eine Sprache zu finden, die den jeweiligen Leser des Blattes mitdenkt.
Gerrit Gohlke, zur Zeit seiner Einladung zur Werkstatt noch Chefredakteur des artnet Magazins, argumentiert von Anfang an allgemeiner und polemischer und bezeichnet die Kunstkritik gleich zu Anfang als "exotische Liebhaberei", mit der – sei es im Print- oder Online-Bereich – kein Geld zu verdienen ist. Im nächsten Schritt widmet er sich den Kriterien für gute Kunstkritik und fordert zunächst: "Die Kritik muss die wirtschaftlichen Umstände reflektieren, unter denen sie entsteht." These 2 wird unmittelbar nachgelegt: "Kritik braucht deshalb einen produktiven Streit über neue Kriterien, weil sie den Strukturwandel in der Branche verschlafen hat." Damit spielt er vor allem auf das Problem der Kompetenzverflechtungen von Museum – Sammler – Markt an, meint aber auch die verschwimmenden Aufgaben- und Tätigkeitsbereiche beim allseits flexiblen Künstler-Kurator-Kritiker-Vermittler. "In Zeiten, in denen Kunsthändler Museumsdirektoren werden, Kartelle Künstler durchsetzen und der nackte Preis eines Kunstwerks zum Kriterium seines Erfolges werden kann, muss Kritik aufregende und banale Massenunterhaltung zu unterscheiden helfen." Der Kritiker sollte deshalb ein Korrektiv institutioneller Irrtümer sein, wie Gohlke schreibt, sich dabei aber ebenso an die eigene Nase fassen und die Distanz zu Künstlern wie Institutionen wahren. In These 4 beschreibt Gohlke die Diskrepanz zwischen finanziell tragfähiger, überregionaler, aber meist nicht aktueller Kunstkritik und einer aktuellen, auf örtliche Ausstellungen bezogenen Kunstkritik, die jedoch ein Nischendasein fristet. Erscheint die Online-Ausgabe hier einerseits als kostengünstige und aktuelle Alternative zur Print-Version, macht Gohlke jedoch darauf aufmerksam, dass auch für diese der Quotendruck gilt – auch wenn es nicht die Auflagenzahlen sind, die zählen, sondern das Google-Ranking. Denn für Gohlke zählt als Qualitätsmerkmal vornehmlich die 'Sichtbarkeit' der Kritik, d.h. ihre Verbreitung: "Kritik ist so gut, wie sie sich am neu organisierten Kunstmarkt Gehör und echten Einfluss sichern kann." Entscheidend ist für Gohlke, dass sich der Kritiker den Einschränkungen seiner Perspektive bewusst ist. Das Berufen auf Subjektivität und Unbeirrbarkeit werden von ihm wiederholt kritisiert. Seiner Meinung nach lebt Kritik von der Präzision der Beschreibung und dem hartnäckigen journalistischen Anspruch (Markt-)Komplotte aufzudecken, Informationen zu liefern und Missstände zu benennen. "„Der Kritiker ist ein Vermittler zwischen den Welten und ein Übersetzer zwischen Kunst und Betriebssystem. Dazu muss man aber die Welten, zwischen denen man sich bewegt, kennen."
Hanno Rauterbergs Plädoyer ist ähnlich emphatisch. Der Kritiker der "Zeit", der leider nicht persönlich am Workshop teilnehmen konnte, dessen Beitrag in gekürzter Form aber bereits im August 2010 in seinem Hausblatt erschien, widmet sich zunächst der Kritik an der Kunstkritik bevor er seine Kriterien für gute Kunstkritik entwickelt. Er bemerkt und bemängelt vor allem die fehlende Bedeutung der Kunstkritik, dessen Rolle entgegen dem Kunstboom der letzten Jahre eher noch geschrumpft ist. Dies hängt auch damit zusammen, dass sie ihre Kritikalität und Radikalität eingebüßt hat – weil sich im Feld alle kennen, kooperieren und verstärkt Rollen tauschen. Daraus folgt: "Die Kritik ist in der Krise, weil sie nicht mehr als krisenhaft empfunden wird." Einen Grund für diese Entwicklung sieht Rauterberg in einem fehlverstandenen Berufsethos: Laut einer amerikanischen Umfrage aus dem Jahre 2002 hielten sich viele Kritiker eher für Anwälte der Kunst, statt sich als unabhängige Journalisten zu definieren. Es gehe den meisten um eine Beschreibung und Vermittlung der Kunst, weniger um eine kritische Reflexion. Hintergrund sind auch hier eine unkritische Nähe zum Künstler sowie zum Teil finanzielle Abhängigkeiten. Für Rauterberg bedeutet Kritik jedoch einen Dreischritt aus beschreibender Annäherung, argumentierender Durchdringung und begründeter Bedeutungszumessung. Erst eine solch verstandene Kritik vermag eine diskursive Aneignung der Kunst zu vollziehen und damit Kunst zuallererst entstehen zu lassen (sic!). Um das Krisenbewusstsein der Kritiker zu stärken und sie auf den Pressekodex zu verpflichten, plädiert Rauterberg im Folgenden für die Gründung einer Akademie der Kunstkritik. Darunter stellt er sich eine Institution vor, die sich um die Belange der Kunst sorgt, die ihr einen Schutzraum bietet und ein Podest. "Es geht darum, der unabweisbaren und unverzichtbaren Bedeutung der Kritik einen festen Rahmen zu geben." Diese Institution müsste als unabhängige Stiftung geführt werden, die sowohl die Praxis ermöglicht, das Bewusstsein der Kritik stärkt und als Ort des Austausches über die Kriterien der Kunstkritik fungiert. "Eine Akademie müsste uns erinnern, an die aufklärerischen Ideale der modernen Kunst, an ihre Grundlegung im 18. Jahrhundert (...) Sie muss die Wertefrage stellen (…) Sie muss für die ästhetische Erfahrung werben (…) und die Kritik der Kritik übernehmen." Zwar kann auch die Akademie das finanzielle Dilemma, in dem die meisten Kritiker stecken, nicht lösen, jedoch die Bedingungen transparenter machen, unter denen Kritik entsteht. Rauterberg entwirft mit der Akademie eine buchstäbliche Oase des Lernens und des Austausches. Wie so etwas realistisch umgesetzt werden soll, bleibt allerdings vage. Und ob man dort auch lernt, wie man Artikel zweifach verwertet (wie er es offensichtlich getan hat, wenn auch in abgemildeter Form) lässt er ebenfalls offen.
Die durch die Montag Stiftung initiierte Werkstatt Kunstkritik kommt dem von Rauterberg entworfenen Bild einer Akademie sehr nah – wird jedoch vorerst die letzte ihrer Art gewesen sein. Dies ist schade, weil ihr praktischer Ansatz insbesondere für angehende Schreiberlinge eine hilfreiche Übung war. Die Idee, die Werkstatt auf zwei Wochenende aufzuteilen und neben den Beiträgen der Referenten gemeinsam Ausstellungen zu besuchen, um über diese Kritiken zu schreiben, die dann beim zweiten Treffen vorgelesen und besprochen werden, ist ein effektiver Praxistest.
Deutlich wird in den Beiträgen jedenfalls das Paradox der Kunstkritik: wird einerseits viel über sie lamentiert, gibt es andererseits eine breite Auseinandersetzung über ihren Zustand und ihre Kriterien, wie nicht nur diese Publikation, sondern eben auch die eingangs genannten Veranstaltungen zeigen. Die Szene sollte jedoch aufpassen, vor lauter Selbstreflexion und -bespiegelung auch ihrer eigentlichen Aufgabe nachzugehen: der kritischen Beschreibung und Bewertung von Kunst. Dass dies in den meisten Fällen unter prekären Bedingungen passiert, sollte dabei immer wieder auf den Tisch kommen, ebenso wie die jeweiligen Verflechtungen offengelegt werden sollten – denn vermeiden lassen sie sich nicht. Das Motto lautet weiterhin: Do-it-yourself – Kollege!