HAMBURGFLORIAN WALDVOGEL VERLÄSST DEN KUNSTVEREIN

Die verschwundene Bilanz

1. Februar 2013 von Annika Bender
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Lichtblick: Ausstellung von Manuel Graf im Hamburger Kunstverein (Foto: Fred Dott)
Man muss ja nun zwangsläufig Bilanz ziehen. Jetzt, nur vier Jahre nachdem Florian Waldvogel die Nachfolge von Yilmaz Dziewior am Hamburger Kunstverein angetreten hatte. Zu einer Verlängerung seines auslaufenden Vertrages hat sich der Vorstand um Harald Falckenberg offenbar nicht durchringen können. Vielleicht hatte es ihm einfach zu wenig hergemacht, was Waldvogel in den vergangenen Jahren in die Hallen am Klosterwall holte. Allerdings hört man auch nichts von größerer Gegenwehr in den ansonsten recht streitlustigen Vereinsgremien. Waldvogel hatte es eben keinem so richtig Recht gemacht. Weder dem bekannten Vorsitzenden, dem Kunst kaum laut und derb genug sein kann, noch der arg von Neunziger Nachwehen gezeichneten Hamburger Kunstszene, noch dem diskurshungrigen Feuilleton, das Dziewior mit seinen so called „wegweisenden“ Gruppenausstellungen so gut im Griff hatte.
Waldvogel aber schien selbst am unglücklichsten über die fehlenden Konturen seines Programms. Denn gegen Missgunst und Widerwillen anzuprogrammieren wäre sein Problem nicht gewesen. Auch hinaus über das Weblog, das er einige Zeit auf der Webseite von Art führte, ließ er sich kaum binden an die üblichen kunstweltlichen Dialekte. Vielmehr überraschte er mit einem humorgetränkten, manchmal etwas jovial anmutenden Hang zur Selbstinszenierung, gepaart mit politischem Biss in alle Richtungen. Das Problem: So unterhaltsam das in Interviews und öffentlichen Diskussionen war, so wenig fand man davon in den Räumen des Kunstvereins. Das allerdings könnte durchaus damit zu tun haben, das er in diese am liebsten erst gar nicht eingezogen wäre.
Geholt wurde Waldvogel nämlich ursprünglich für sein vielversprechendes Konzept, die leicht überdimensionierten und entsprechend teuer gemieteten Hallen in der City aufzugeben. Stattdessen hätte der Kunstverein jeweils temporär leerstehende Räume bespielt. Der Kunstverein wäre so nicht nur dem Mief der „Hamburger Kunstmeile“ entkommen, er hätte sicher auch eine andere Sichtbarkeit und Relevanz innerhalb der Stadt beanspruchen können. Gerade in Hamburg, wo die Kunstszene wie kaum woanders politisiert und integriert ist, in die Debatten der Stadtentwicklung, hätte das einen enormen Schritt über den großen Graben zwischen der Szene und den entschlummerten Hamburger Institutionen bedeutet.
Man sollte daran erinnern, dass es in Hamburg lange vor dem Berliner „Haben und Brauchen“ bereits einen künstlerischen Schulterschluss gegen die Inanspruchnahmen durch ein neoliberal verblödetes Stadtmarketing gegeben hat. Nur zeigt nicht zuletzt das Ausstellungsprogramm des Gängeviertels, das etwas institutionelle und professionelle Unterstützung dieser Bewegung unbedingt gut getan hätte. So allerdings steuerten schlussendlich beide Seiten Richtung Mittelmäßigkeit: die protestierende Künstlersippe, die Institutionen nicht weniger. Nebenbei bemerkt: Was die Galerie der Gegenwart zuletzt mit der Bretterbude auf ihrem Vorplatz kundtat, war ja kaum mehr als die installative Demonstration dieser rundherum erreichten Mittelmäßigkeit. Die bereitstehende Personaldecke scheint nunmehr auf beiden Seiten derart ausgedünnt, dass solche verspäteten Kooperationsversuche kaum mehr noch vermögen.
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Wenn die Kunsthalle auf Szene macht: lustiges Bobby-Art-Car-Rennen (Foto: Baltic Raw)
Nun muss man sagen, dass auch Waldvogels Programm der Hamburger Mittelmäßigkeit zu wenig entgegensetzte. Der Vorstand, der ihn ja samt Auszugskonzept geholt hatte, wollte davon bald nichts mehr wissen und verdonnerte den Kurator in die Schmuddelecke der Kunstmeile. Der wird sich bald darüber beschwert haben, ging er doch schließlich sogar öffentlich auf die Barrikaden und publizierte die miesen Bilanzen des Vereins, samt Mietkosten, in seinem Blog und hielt für das aufgeregte Feuilleton noch die Nachricht von der bevorstehenden Pleite des Kunstvereins bereit. Ein Verzweiflungsakt schien das zu sein. Doch Falckenberg pfiff den Hilflosen schnell zurück und lies sämtliche finanziellen Schwierigkeiten dementieren (Wohlweislich, kannte er doch den geringen Spielraum des Hamburger Kulturetats, dem er selbst mit seiner Privatsammlung zuvor noch ordentliche Mehrbelastungen zugemutet hatte.) Die veröffentlichte Bilanz jedenfalls war nach nur einem Tag wieder aus dem Internet verschwunden (Hat irgendwer noch einen Screenshot?) und Waldvogel einmal mehr um seine eigentliche Qualität gebracht: Aufruhr erzeugen!
Seinem Programm war eine zunehmende Verunsicherung leider deutlich anzusehen. Die vielen Einzelausstellungen etablierter Galeriekünstler (allein drei kamen in der letzten Zeit von der Galerie CFA Berlin) waren wohl den finanziellen Unwägbarkeiten geschuldet. Eine kuratorische Richtung ergaben sie nicht. Am ehesten waren es noch die Austellungen von kunstfernen Gestaltern und Handwerkern, die so etwas wie eine kuratorische Handschrift erkennen ließen (siehe Artikel von Erik Stein). Doch die an sich lobenswerte Öffnung der Ausstellungsräume über die üblichen künstlerischen Diskursangestellten hinaus scheiterte allzu häufig an der Auswahl (Daniel Josephson, Stefan Marx und ähnlich gealterte Attitüden). Zuletzt bot eine Verkaufsausstellung mit Designkitsch (neon leuchtende Kruzifixe) in einer rosa gestrichenen Vorhalle des Vereins einen derart scheußlichen Anblick, dass sich kaum jemand in die dahinter versteckten Ausstellungen traute. Sicher, es gab immer wieder auch Lichtblicke, wie die kleine, wirklich gelungene Soloschau von Manuel Graf oder die von Michael Riedel einige Jahre zuvor. Aber sie schienen verlorenen in einem insgesamt mehr schlechten als rechten Ausstellungspatchwork.
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Blieb unerreicht: die Ausstellung „Wo ist der Wind, wenn er nicht weht?“ (Foto: Fred Dott)
Die mit Abstand beste Ausstellung der Ära Waldvogel aber war die Allererste: „Wo ist der Wind, wenn er nicht weht?“. Mithilfe einer so noch nicht gesehenen Ausstellungsarchitektur aus Holzgerüsten hatte der Kurator die beiden Hallen mit Anschauungsmaterial zur politischen Ikonografie und Bildgeschichte regelrecht überfrachtet. Ein Verzweiflungsakt auch das. In der Kunst aber sind offenbarte Verzweiflungsakte weniger gemeingefährlich als im kunstpolitischen Ränkespiel. Laut und aggressiv nach allen Seiten, keine Rücksicht auf die leidige Differenz von Kunst/Nichtkunst, von Diskurs/Nichtdiskurs, von allem etwas und von allem zu viel. Das hat in seiner gewaltigen historischen Überforderung und milieuspezifischen Unordnung mehr über die Probleme der politischen Gegenwartsikonografie zu sagen verstanden, als die meisten Biennalen der letzten Jahre.
Warum haben wir davon in Hamburg nicht mehr gesehen, Herr Waldvogel? Und wäre die Antwort vielleicht nicht sogar Anlass für einen letzten Blogbeitrag in ihrer Serie „Von A bis Z“? Nach „Z wie Zappenduster" ein Neustart mit „A wie Abrechnung"? Wir stellen auch gerne den Platz zur Verfügung, wenn Art es nicht tut.

Kommentare

#1) Am 6. April 18:08 um Uhr von Setzer

„Hat irgendwer noch einen Screenshot?“ Das nicht, aber strg-c/strg-v tut's ja auch! Hier die „verschwundene Bilanz“ bzw. der Blogbeitrag des Herrn Direktor:

Der Kunstverein in Hamburg – Miete, Strom, Gas, danke, das war’s?

Im Sommer 2009 wurde ich von meinem Kollegen Rene Zechlin eingeladen, an einem Gespräch im Kunstverein Hannover teilzunehmen. Gegen Ende des Gesprächs erlaubte ich mir die nicht sehr positive Prognose, dass in 10 Jahren es einige Kunstvereine aufgrund der mangelhaften Sockelfinanzierung nicht mehr geben wird. Diese Bemerkung löste Ungläubigkeit unter den Besuchern der Veranstaltung aus und wurde begeistert von den anwesenden Journalisten aufgenommen und ihre faden Artikel ein wenig aufzupimpen. Die Nachricht war schneller in Hamburg wie ich im ICE und wurde auch dort mit Unverständnis quittiert.

Zwei Jahre später ist es soweit: Ab September 2011 kann der Kunstverein keine Gehälter und keine Miete mehr bezahlen. Ganz davon zu schweigen, die Kosten für die geplanten Ausstellungen tragen.

Um dem Vorurteil der Misswirtschaft vorzubeugen hier einige Zahlen, die belegen, wie schwierig es heute ist, einen Kunstverein zu führen:

Die jährliche Zuwendung der Kulturbehörde der Stadt Hamburg beträgt 474.000,- Euro. Von der Sockelfinanzierung gehen 190.000 Euro an Miete an die städtische Immobilienfirma Sprinkenhof AG. Wenn alle Umlagen und Gehälter bezahlt sind, dann fangen wir mit einem Minus in Höhe von 150.000 Euro an.

Im Vergleich dazu erhalten die kestner gesellschaft Hannover eine Sockelfinanzierung 700.000,- Euro bei einer Miete von 5.000,- Euro und der n.b.k. in Berlin 800.000,- Euro bei einer Miete von 120.00,- Euro. Umgerechnet auf die Ausstellungsfläche macht das aufs Jahr: Kunstverein in Hamburg: 1.500qm Ausstellungsfläche - 338,- Euro pro qm. kestner gesellschaft Hannover: 1.500qm Ausstellungsfläche – 466,- Euro pro qm. n.b.k. Berlin: 500qm Ausstellungsfläche – 1.600 Euro pro qm. Im Vergleich zu den anderen Kunstinstitutionen fliegt der Kunstverein budgetär unter dem Radar.

Eine Ausstellung auf 1.000qm im ersten Stock des Kunstvereins in Hamburg kostest im Durchschnitt ca. 45.000,-Euro und eine Ausstellung im Erdgeschoss 500qm kosten ca. 20.000,- Euro.

Die städtischen Zuwendungen wurden seit 1994 nicht mehr erhöht und während bei anderen kulturellen Einrichtungen gerne auch die Tariferhöhungen für die Mitarbeiter übernommen werden, können wir erst gar nicht nach Tarif bezahlen. Ganz zu schweigen, dass wir KünstlerInnen Honorare bezahlen können. Man stelle sich vor, Schauspieler arbeiten ohne Honorar und gehen wir in den meisten Fällen unseren gezeigten KünstlerInnen nebenbei noch jobben!

Der Kunstverein in Hamburg wurde 1817 von Hamburger Bürgern gegründet, und seine Aufgabe ist im 1. Paragraphen der Gründungsurkunde wie folgt festgehalten: „Zweck des Vereins ist es, die junge und unbekannte Cultur der Bildenden Kunst zu fördern und durch historische und gemeinschaftliche Anschauung ihrer Werke und gegenseitige Mitteilung, als durch thätige Förderung derselben und allgemeine Entwicklung des Kunstsinns.“

Das Konzept, in der ehemaligen Markthalle der Stadt Hamburg einen Produktionsort für zeitgenössische Kunst zu schaffen, orientiert sich an der Gründungsurkunde des Kunstvereins, die das kulturelle Bild von Hamburg entscheidend mitprägten. So ist zum Beispiel ist die Hamburger Kunsthalle (1847) aus der Sammlung des Kunstvereins entstanden und Künstler wie Casper David Friedrich, Arnold Böcklin und Aby Warburg, Max Beckmann, Jackson Pollock, Pablo Picasso hatten dort ihre ersten Ausstellungen, die jetzt in der Kunsthalle und anderen Schatzkammern abgefeiert und gefördert werden. Aber welchen Weg müssen denn diese Klassiker gehen damit sie später mal auf Handtüchern, Tassen und anderem Schnickschnack landen? Wo wurden sie vorher vor- und ausgestellt bevor man in kontemplativer Ohnmacht vor ihnen im Museum niederknien darf? In Institutionen wie dem Kunstverein! Wenn es keine Orte der Verhandlung, des Unsicheren, des Fremden, bis alle Geschmacksinstanzen sich darauf geeinigt haben, gibt, dann wird es in 100 Jahren nichts mehr geben bei dem man ohnmächtig wird. Dann sitzen wir auf unserem Kunsthandwerk vergangener Epochen des „war-früher-nicht-alles-besser.“

Der Kunstverein hat ca. 1800 Mitglieder, deren Mitgliedsbeiträge (die übrigens seit 1993 nicht mehr erhöht worden) nur 7 Prozent der Gesamteinnahmen ausmachen, und somit bleibt uns einfach keine andere Möglichkeit, als nach Alternativ-Einnahmen zu schauen. Vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Stagnation, hoher Arbeitslosigkeit, wachsender Armut und sinkender Einnahmen setzt sich als Folge des ökonomischen Strukturwandels eine verschärfte Konkurrenz zwischen den Institutionen durch, und es beginnt eine Phase des Wettbewerbs um staatliche Zuschüsse und Kooperationspartner. Betrachtet man die kulturpolitische Entwicklung der Kommunen, so lässt sich als allgemeine Tendenz einer Diversifizierung der kulturellen Einrichtungen auf Konkurrenzfähigkeit innerhalb des städtischen Wettbewerbs um Investoren diagnostizieren. Die Institutionen erfahren eine Wandlung zur unternehmerisch konzeptionierten, intellektuell gefahrenfreien Erlebniswelt und dienen als Visitenkarten - dem so genannten weichen Standortfaktor.

Bisher ist es uns leider nicht gelungen, Kooperations-Partner aus der freien Wirtschaft zu gewinnen. Was sicherlich auch daran liegt, dass wir eben nicht die bekannten Positionen der Kunstgeschichte oder sogenannten „Blockbuster-Ausstellungen“ zeigen. Man muss schon sagen, wir haben sie leider schon viel früher gezeigt. Oder liegt es vielleicht daran, dass man bei Kunstvereinen maximal gefühlte 30 Jahre empfindet? Oder liegt es daran, dass ein Kunstverein ein Ort der Produktion, des noch nicht etablierten, des Fremden ist? Und haben die Vorurteile gegenüber junger, zeitgenössischer Kunst nicht den gleichen Ursprung wie Xenophobie? Lässt dieser Umstand Partner aus der Wirtschaft zögern in eine Institution wie den Kunstverein zu investieren? Wo bleiben die flexiblen Erwartungen die an den Arbeitnehmer gerichtet werden in Bezug auf die soziale Verantwortung eines Unternehmens gegenüber einer Stadt und seinen kulturellen Einrichtungen? Warum unterstützt man etwas Etabliertes wenn man doch ganz genau weiß, dass der Erfolg eines Unternehmens im Risiko der Zukunft liegt?

Das Ideal einer Institution spiegelt sich in seinen Gebäuden, Ausstellungen, Museumshops und Cafés wider sowie deren Funktion. Um das herrschende Normensystem als allgemein verbindlich zu stabilisieren und seine Autorität zu unterstreichen, werden abweichende, kulturelle Deutungsmuster und Verhaltensweisen abgelehnt. Was zunächst als Rückzug des Sozialstaates zu bewerten war, entwickelte sich in den 1990er Jahren zu einer offensiven Strategie unternehmerischer Institutionspolitik. Da die Stimulation von privatem Kapital nun einen wesentlicher Teil darstellt, orientieren sich Institutionen und ihre Ausstellungspolitik an Marktstrategien. Die meisten Institutionen haben ihren Legitimationsanspruch längst verloren, da sie sich zu stark auf neue ökonomische Ressourcen konzentrieren müssen und immer mehr Museen zu Freizeitparks umstrukturiert werden. Kein pfiffiges Museum ist doch mehr ohne Cafe und Museumsshop denkbar und das hat nichts mehr mit Kompensation der Schwellenangst zu tun. Ein Großteil der deutschen Institutionen ist inhaltlich am Ende und leidet unter seinem intellektuellen Hausarrest. Dem Romancier Marcel Proust zufolge sind die wahren Paradiese stets die, die man verloren hat.

In den letzten zweieinhalb Jahren hat der Kunstverein 50 Förderanträge bei Kunst- und Kulturstiftungen (deutschlandweit und international) gestellt. Davon wurden 30 Anträge abgelehnt und 20 bewilligt. Durch die 20 bewilligten Anträge konnten insgesamt fast 500.000,- Euro an Fördergeldern für den Kunstverein verbucht werden. Allerdings handelt es sich bei 13 von diesen 20 Anträgen um bewilligte Fördergelder unter 10.000,- Euro. Oder anders gesagt: 65 Prozent der bewilligten Anträge bewegen sich unter 10.000,- Euro.

Nach zweieinhalb Jahren intensiver Antragsstellung ist der Kunstverein für dieses Jahr (und auch bereits für 2012) an einer Grenze angelangt: Die meisten Stiftungen, von denen wir bereits Gelder erhalten haben, können uns einfach turnusbedingt nicht noch einmal unterstützen (mit wenigen Ausnahmen wie z.B. die Hamburgische Kulturstiftung). Sie fallen also als potentielle Förderer weg.

Darüber hinaus wurden in den letzten zweieinhalb Jahren durch Vermietungen der Räumlichkeiten und der Werbefläche ca. 300.000,- Euro eingenommen. Allein im Jahr 2010 war das Obergeschoss für 3 Monate komplett vermietet, was bei einem Großteil der Mitglieder nicht gerade Jubelstürme auslöste. Können Sie sich vorstellen wie im Großen Saal des Schauspielhauses mehrere Monate BMW oder Audi seine Neuwagen vorstellt? Ich kann’s, die Kulisse ist nämlich klasse. Man könnte dann auch den Dienstwagen und den Fahrer des Intendanten gleich als geldwerte Leistungen verrechnen.

Wäre es jetzt nicht endlich Zeit an die Öffentlichkeit zu treten und für Randale zu sorgen? Menschenketten zu bilden vom Kunstverein bis zur Galerie der Gegenwart? Ich sage Nein, denn das Bild der Stadt in Bezug auf seine Kulturpolitik ist außerhalb der Stadtgrenzen seit Jahren der Lächerlichkeit preisgegeben. Elbphilharmonie, Altonaer Museum, Galerie der Gegenwart, Schauspielhaus, Studiengebühren den der HfBK haben dafür gesorgt, dass wenn über Hamburgs Kultur überregional berichtet wird, nur genau diese Skandale besprochen werden oder natürlich über die Harley-Days, Reeperbahn und die Hell’s Angels. Dies sind alles gute Beispiele dafür wie von den Medien, aus einem komplexen Gossen-Oratorium eine schräge Kasperle-Operette gemacht wurde. Über Köln und sein eingestürztes Archiv spricht niemand mehr, Hamburg sei Dank.

Aber Kulturproduzenten sind Veteranen schöpferischen Leidens. Deshalb bleiben wir da und kommen immer wieder zurück und vertrauen darauf, dass unverdientes Leid erlösende Qualität hat. Mit diesem Glauben in unseren großen und verständnisvollen Herzen werden wir fähig sein, gemeinsam die Probleme zu stemmen. Denn nur wer einen Pinsel hat, kann sich die Zukunft ausmalen und den Geist der Utopie atmen.

Wenn man von politischer Seite der Ansicht ist, dass wir in Hamburg keine junge zeitgenössische Kunst mehr brauchen, dann soll man es doch sagen. Berlin ist so nah und die KünstlerInnen ziehen ja eh dahin. Mit diesem Geld könnte man die anderen Institutionen dann ein wenig aufstocken.

Diese Benefiz-Auktion zur Rettung des Kunstvereins in Hamburg ist nur eine kurze Hilfe und behebt nicht das strukturelle Problem, das wir chronisch unterfinanziert sind und auf lange Sicht den Betrieb einstellen müssen, wenn sich die finanziellen Verhältnisse nicht ändern.

Außerdem ist diese Auktion das falsche Signal, denn die KulturproduzentInnen die eigentlich im Kunstverein vorgestellt werden sollten, müssen jetzt Arbeiten stiften, damit sie und ihre KollegInnen in Zukunft in Hamburg überhaupt noch gezeigt werden können. Spenden heißt, sie nehmen Arbeiten aus Ihrem Betriebsvermögen und müssen es noch mit 7% versteuern!

Die KünstlerInnen sind in dieser schwierigen Situation dem Kunstverein in Hamburg zu Hilfe gekommen und spenden uns Arbeiten für die Benefiz-Auktion des Kunstvereins, die wir in Kooperation mit Sotheby’s am 13. September in Hamburg und am 13./14. Oktober in London durchführen.

Wir haben dafür Arbeiten von 23 KünstlerInnen erhalten, u.a. von: Franz Ackermann, Douglas Gordon, Wade Guyton. Carsten Höller, Olaf Metzel, Olaf Nicolai, Jorge Pardo, Rirkrit Tiravanija, Tobias Rehberger, Markus Schinwald, Andreas Slominski oder Gert und Uwe Tobias.

„Es gibt viel zu tun – fangt schon mal an!“ kann es ab jetzt nicht mehr heißen, Bürgersinn und soziale Verantwortung ist jetzt gefragt oder sollte diese anachronistisch geworden sein?

Ohne Ihre Unterstützung kann der Kunstverein in Hamburg nicht mehr weiterarbeiten!

What we're saying today is that you're either part of the solution or you're part of the problem.

Au revoir and not goodbye!