KASSELSPECULATIONS ON ANONYMOUS MATERIALS

#Neuland

6. März 2014 von Annika Bender
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Keck als Neuheit getarnt: bedruckter Aluminium-Aufsteller von Katja Novitskova
(Foto: Achim Hatzius, Courtesy Kraupa-Tuskany Zeidler)
„Speculations on Anonymous Materials“ stand bereits im Vorfeld für die Behauptung, hier sei eine neue Generation am Zug. Ende Februar wurde auch die Verlängerung der Ausstellung im Kasseler Fridericianum abgepfiffen. Durch den Flurfunk des Betriebs geisterte sie da längst als Eröffnungsspiel eines neuen Diskurses, oder besser: als strategische Zusammenführung diverser seit Jahren schwelender Tendenzen. Neuer Materialismus, Spekulativer Realismus und Post-Internet schossen im Ranking der Google-Suchanfragen nach oben. Jetzt bloß nichts verpassen!
Also trafen sich in Kassel viele Akteure aus Frankfurt, Rheinland, Berlin und Hamburg auf der Suche nach Gegenwart. Zur Halbzeit lud Kuratorin Susanne Pfeffer Künstler und Philosophen zum Workshop mit Symposium, in der Hoffnung, ihre Stichwortliste, die sie als lose ... weiterlesen »

DÜSSELDORFDAS BESTE VOM BESTEN

Die Möglichkeit einer Linie

29. Januar 2014 von Erik Stein
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Gehört nicht zur Ausstellung, illustriert die affektierte Orientierungslosigkeit des Kunstbetriebs aber ganz hervorragend: Michelangelo Pistoletto (Courtesy Galeria Continua)
„Schafft die Kunst ab!“ rief Georg Seeßlen kürzlich in der Taz, ätzte einmal quer durch den Betrieb und wird demnächst bei Suhrkamp nachlegen. „Kunst ist eine der besten Kapitalanlagen und Steuervermeidungsfelder der Welt“, erklärt er und diagnostiziert: „Dem Kunstmarkt geht es so gut wie noch nie. Der Kunst-Kultur geht es so schlecht wie nie zuvor.“ Es steht nicht gut um den Diskurs, erfahren wir und wissen es doch längst. Er hat sich korrumpiert und verraten an die Bedürfnisse des Markts. Er hat sich hinter einem wolkigen Jargon verschanzt, der die eigene Belanglosigkeit kaum noch kaschieren kann. Schon 2003 hatte Christian Demand diesen Jargon der Dummheit überführt, die er nur umständlich chiffriert. Dass er in der Kunstszene damit keine Punkte sammeln konnte, hat nur noch dicker unterstrichen, wie sehr die sich inzwischen in den Kommunikationskoordinaten einer merkelschen Raute bewegt. In Wahrheit geht da schon lange nichts mehr. Was also tun? Vielleicht ist es an der Zeit, das unterstellte Abhängigkeitsverhältnis zwischen Markt und Diskurs zu hinterfragen – Zeit für eine Linie dazwischen.
Eine Ausstellung im Düsseldorfer Kunstverein liefert den Anlass. Sie heißt „Das Beste vom Besten“ und verrät im Untertitel wovon sie erzählen will: „Vom riskanten Geschäft der Kunst“. Das gelingt ihr zu großen Teilen, weil sie gar nicht erst den Versuch ... weiterlesen »

HAMBURGSANTIAGO SIERRA: SKULPTUR, FOTOGRAFIE, FILM

Antagonismen im Rückspiegel

20. Dezember 2013 von Esra Yilmaz
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Auf zum nächsten Kontext: „NO, Global Tour (Film Still)“, 2011 (© Santiago Sierra)
Man könnte meinen, die Kunstsammlung von Harald Falckenberg sei der ideale Ort für einen wie Santiago Sierra. Einen, der die Lautstärke seiner Kritik am Kapitalismus gerade daraus gewinnen will, dass er sich tief innerhalb der angeprangerten Strukturen bewegt und sie perpetuierend auf die Spitze treibt. In den Hallen des Sammlers muss der Feind nicht erst behauptet werden, sondern wird frei Haus mitgeliefert. Glaubt man aber, dass gerade in diesem vermeintlich antagonistischen Verhältnis sowohl das kritische Potenzial Sierras als auch die Risikobereitschaft Falckenbergs liegt, fällt man einem Vorurteil anheim.
Die von Dirk Luckow kuratierte Retrospektive vermittelt Sierras künstlerische Wurzeln aus der Minimal Art. Es wird klar Position bezogen: Sierra habe die Minimal Art „verflüssigt“, ihren kühlen Ästhetizismus durch eine politische Agenda ersetzt. Dass sich Sierra zwei ihrer offenkundigsten Merkmale ... weiterlesen »

HAMBURGJOCHEN LEMPERT

Die Lempert-Methode

14. November 2013 von Olaf Mährenbach
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Jenseits der Diskurse: „Anschütz“ von 2005 (© VG Bild-Kunst, Bonn 2013)
Mit der Venedig-Biennale war das Thema dann endgültig reif für die Titelseite: die Kunst der Outsider. Derjenigen also, die nur wenig oder gar keinen Kontakt zum „System“ Kunst pflegen, und die, so die häufige Erzählung, ein Leben lang im stillen Kämmerlein verbringen, woraus sich die Kunstwelt nun offenbar eine neue Injektion mit Authentizität erhofft. Ihre Kunst soll frei sein vom falschen Einfluss etablierter Institutionen und Diskurse, die sich gegenseitig routinierter Kalkuliertheit verdächtigen.
Eine solche Flucht vor den eigenen idealistischen Erosionsprozessen ist nachvollziehbar – gelingen kann sie nicht. Schließlich rehabilitiert sich mit ihr eine Rezeptionsform, die man aus gutem Grund in die Blindtexte talentloser Berufsschreiber verbannt hatte: die Rezeption per Künstlerbiografie, die dramatisierte Werksentstehungsgeschichte ... weiterlesen »

ESSENDOUGLAS GORDON: SILENCE, EXILE, DECEIT

Der Geist der nuller Jahre

12. September 2013 von Erik Stein
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Was dagegen? Performativer „Tower“ am Ruhrmuseum (Foto: Urbane Künste Ruhr)
Rhetorische Gentrifizierung: Aus der Trinkhalle wird ein Stehcafé, der Friseur zum Hairdesigner und statt Kirmes heißt es Kunst. So oder ähnlich liest sich die Sehnsucht nach dem Wandel der Ursprungsmilieus. In Deutschland gibt es derzeit kaum irgendwo mehr davon als im Ruhrgebiet. Zechen zu Coworking-Spaces!
Ein Versprechen über sich selbst hinaus ist die Kunst auch auf den Fahnen der Ruhrtriennale. Das 2002 gegründete Festival bildete einst die Nachhut einer Internationalen Bauausstellung (IBA), sollte den „kulturellen Strukturwandel“ fördern und wird in diesem wie schon im letzten ... weiterlesen »

BERLINMARTIN KIPPENBERGER: SEHR GUT | VERY GOOD

Kippy und die Rache der Enterbten

7. August 2013 von Annika Bender
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Monotheismus der guten Laune: Martin Kippenbergers „Zuerst die Füße“ von 1991
(© Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain)
Didi Hallervorden. Wie schon bei der großen Hans-Peter-Feldmann-Show in den Deichtorhallen, musste ich ständig an Didi Hallervordern denken. An diesen lachenden Zeigefinger: Schau ma – hö, hö, hö – det is witzig! In beiden Fällen große Hallen und weite Wege zwischen mittelmäßigen Kalauern. Auf zum nächsten Gag! Nun ist über die Kippenberger-Ausstellung im Hamburger Bahnhof eigentlich genug geschrieben worden. Dass sie nichts beitrage zur ausstehenden Erforschung des Werks, dass sie markante Werkphasen gleich ganz außen vor lasse oder eine „selbstherrliche Verwaltungskultur“ exerziere (Roberto Ohrt). All dem kann man getrost zustimmen. Die Schau ist rundherum misslungen. Ihr fehlt jedweder Ehrgeiz, dem Phänomen Martin Kippenberger irgendetwas abzugewinnen, das über die dürftige Anhäufung von Artefakten hinausginge. Es ist mit Kippenberger ja ähnlich wie mit Beuys: Die Werke altern schnell und kläglich, schaffen Kuratoren und Szenografen es nicht, sie mit Kontext zu polieren. Und auch wenn die Ausstellung sich ganz offiziell an einer „Annäherung an die private und öffentliche Person wie auch an den Künstler Martin Kippenberger“ versucht, ist ihr gerade dazu erstaunlich wenig eingefallen.
Dennoch ist bemerkenswert, dass Kippenberger, bald zwanzig Jahren nach seinem Tod, auch bei dieser Ausstellung ein weiteres Mal als Prototyp des postmodernen Künstlers und „echter Avantgardist“ vorgestellt und rezipiert wird. Wohl deshalb ist die Kritik sich so auffallend einig über ... weiterlesen »

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